Die Stunde der Schwimmer hinter den Stars

Essen (DSV) Es war die Stunde der anderen. Paul Biedermann grippekrank, Britta Steffen nach eigener Einschätzung außer Form: Nach dem Ausfall der beiden Führungskräfte im deutschen Schwimmsport waren die Kurzbahn-Meisterschaften in Essen die Gelegenheit zu zeigen, was sich hinter den beiden Frontstars so tut. Resultat: eine ganze Menge. Sechs deutsche Einzel-Rekorde gab es in Essen, dazu als Höhepunkt einen Europarekord über 50 Meter Rücken in 22,91 Sekunden. Der jedoch ging auf das Konto von Altmeister Thomas Rupprath – aller Ehren wert für den 32 Jahre alten „Mister Kurzbahn“, der zuletzt aus beruflichen Gründen kaum Zeit hatte zum Trainieren, aber eben nicht gerade richtungweisend für die Zukunft des deutschen Schwimmsports.

Dennoch war die Breite der guten Leistungen in Essen bemerkenswert – zumal so mancher Titelanwärter unter erschwerten Bedingungen antrat. Für Steffen Deibler etwa, Weltrekordhalter über 50 Meter Schmetterling (21,80 Sekunden) oder auch die WM-Zweite Daniela Samulski waren die Titelkämpfe nicht mehr als eine Durchgangsstation nach der Weltcup-Saison und vor der Kurzbahn-EM in Istanbul. Der 22 Jahre alte Hamburger Deibler war mit seinen 22,06 Sekunden über 50 Meter Schmetterling für den eigenen Geschmack sogar „fast schon zu schnell“ und legte deshalb am Freitagabend kurzerhand noch drei Kilometer im Becken ein – schließlich ist die Trainingsplanung ganz auf die EM in zwei Wochen ausgerichtet. Das hielt ihn nicht davon ab, gleich fünf deutsche Einzeltitel mitzunehmen.

Ganz andere Sorgen plagen derzeit Helge Meeuw und Marco Koch. Der WM-Silbermedaillengewinner Meeuw schrieb noch bis Samstagmorgen Klausuren fürs Medizinstudium, bevor er am Sonntag in 50,28 Sekunden den Titel über 100 Meter Rücken gewann. „Ich bin ein bisschen zu langsam angegangen, in Istanbul sollte eine 49er-Zeit stehen“, sagte er. Der 19 Jahre alte Brustschwimmer Koch, eines der größten Talente im Deutschen Schwimm-Verband (DSV), wurde vom Dienst am Vaterland gebremst. Seit acht Wochen absolviert er seine Grundausbildung in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, und das heißt: so gut wie kein Schwimmtraining. Neun Kilogramm, sagt Koch, habe er zuletzt zugenommen, ganz zu schweigen vom Trainingsrückstand, der sich bei den technischen Feinheiten bemerkbar macht. Er qualifizierte sich zwar mit passablen Zeiten für die EM, verteidigte sogar seinen 200-Meter-Titel in 2:05,82 Minuten, reichlich angefressen war der ehrgeizige Darmstädter aber trotzdem: „Das geht gar nicht, kein Übergang stimmt, keine Wende, kein Anschlag, nichts.“ Nächste Woche geht es auch noch drei Tage ins Biwak, und was das für die EM-Vorbereitung bedeutet, konnte man am Gesicht von Koch deutlich ablesen.

Das wurde dadurch nicht fröhlicher, dass ihm sein Rivale Hendrik Feldwehr in 26,61 Sekunden seinen deutschen Rekord über 50 Meter Brust abnahm. Der Essener ließ sich dabei im Vorlauf auch nicht durch einen aufgerissenen Anzug beirren, der tiefe Einblicke in den verlängerten Rücken zuließ. Die Brustschwimmer zählten in Essen trotz Kochs Bundeswehr-bedingtem Durchhänger wieder zu den Aktivposten. Bei den Männern trieben sich Feldwehr, Koch und Johannes Neumann gegenseitig an, bei den Frauen Janne Schäfer, Kerstin Vogel, Sarah Poewe und Caroline Ruhnau, die den deutschen Rekord über 100 Meter Brust auf 1:04,78 Minuten verbesserte und ihn über 200 Meter (2:21,13) um eine Hundertstelsekunde verpasste – Konkurrenzkämpfe auf einem Niveau, das auch international Hoffnungen weckt. Andere nutzten die Abwesenheit der großen Namen, um national nach vorne zu rücken: Daniela Schreiber unterbot in 1:55,03 Minuten Britta Steffens deutschen Rekord über 200 Meter Freistil, Felix Wolf in 1:50,65 Minuten Meeuws Bestmarke über 200 Meter Rücken.

„Wir wollen die Dichte in der Leistungsspitze vergrößern“, sagte Bundestrainer Dirk Lange. „Und ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg.“ Das heißt nicht, dass nun an allen Ecken und Enden neue Biedermänner entsprängen. Aber die Erfolge des Doppel-Weltmeisters haben viel bewegt, bei Rekordmann Steffen Deibler zum Beispiel, der sagt: „Pauls erster Weltrekord 2008 in Berlin hat gezeigt: Es geht, auch bei uns.“ Mit diesem Bewusstsein reisen sie nun nach Istanbul, wo die deutschen Schwimmer „eine zweistellige Medaillenzahl“ erringen wollen, so Sportdirektor Lutz Buschkow – bei der Kurzbahn-EM 2008 in Rijeka hatten sie mit sechs Medaillen einen Tiefpunkt erlebt. „Wir haben eine deutlich schlagkräftigere Truppe“, sagt Lange und sieht den DSV diesmal gerüstet. Auch wenn Britta Steffen wohl fehlen wird und fraglich ist, ob Biedermann rechtzeitig gesund wird. „Wenn er nach Istanbul fährt, will er dort nicht nur mitschwimmen“, stellte sein Trainer Frank Embacher klar. „Wir wollen uns zum Jahresende nicht noch vorführen lassen.“ Die Verlockung freilich ist groß: Nach Istanbul wandern die rekordträchtigen Kunststoffanzüge schließlich in den Schrank. Oder gehen im Fall von Daniela Samulski, Helge Meeuw und Thomas Lurz sogar in die Sportgeschichte ein: Ihre WM-Anzüge sind künftig im Deutschen Sport und Olympia Museum in Köln zu sehen.

(FAZ vom 30. November 2009, MK)
30.11.2009

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